Los trau dich

Von S&W - Juni 2016

 

see-conference als Mittel gegen die Routine

Es scheint zwar auf den ersten Blick anders, aber auch in der täglichen Kreativarbeit gibt es sie, die Feindin aller neuen frechen Ideen: Sie heißt Routine. Was kann man gegen Routine tun? Sie hilft, die Arbeit zu strukturieren und effektiv zu bewältigen. Aber Sie trübt auch den Blick und macht einen glauben, dass alles immer so und so gemacht werden muss oder auszusehen hat. Ein sehr gutes Mittel, um wach zu bleiben für Neues, ist das Besuchen von hochkarätigen Fachkonferenzen. Die dürfen durchaus auch von anderen erfolgreichen Agenturen organisiert werden.

Rainer Weihe ist ein Fan der see-conference, die 2016 schon zum 11. Mal im Schlachthof Wiesbaden stattfand. Die viel besuchte und immer früh ausverkaufte Veranstaltung organisiert die Agentur Scholz & Volkmer. Die Wiesbadener treffen stets eine feine Auswahl an Sprechern, die durch Mut und Frische, aber besonders durch spannende und vielfältige Projekte besticht.

Highlights im Kampf gegen Routine und Werbeeinerlei

Eines der Highlights war der Vortrag von Erik Kessels, dem Gründer und Chef der Agentur KesselsKramer aus Amsterdam. Erik Kessel sagt selbst, dass er Werbung schrecklich findet. Deshalb möchte er sie anders gestalten. Und das ist offensichtlich ein Erfolgsrezept, das funktioniert. Kultstatus in der Szene hat Kessels Kampagne für das Hans Brinker Budget Hotel in Amsterdam. Laut Kessels das schlechteste Hotel, das er kennt. Für die Werbung konnte er nur mit Ehrlichkeit punkten: „THE HOTEL THAT COULDN’T CARE LESS, BUT WE WILL TRY.“ Man merkt deutlich, dass hier mit Ironie gearbeitet wird und auch mit der Courage, sich mal was zu trauen – selbst auf die Gefahr hin, Kritik zu riskieren oder mit Pauken und Trompeten zu scheitern.

Was Rainer Weihe aus dem Vortrag mitnimmt, ist genau das: Kreativität besteht nicht nur aus braven, gut gemachten Anzeigen und Spots. Originalität entsteht vielmehr aus frechen, mutigen und durchaus selbstironischen Herangehensweisen und Ideen. So entstandene Marken-Kampagnen fallen im Werbe-Einerlei angenehm auf – auch, weil sie oft die Wirklichkeit etwas ungeschminkter zeigen.

Sehenswert war auch die Keynote von Arals Balkan. Er nimmt die digitale Kommunikation aufs Korn. Er macht deutlich, dass die neuen Technologien eigentlich super sind. Nur sollten wir uns mehr Gedanken darüber machen, wem die anfallenden Daten gehören und was mit ihnen gemacht wird. Und über die Verwendung der Daten sehr kritisch nachdenken.

Durch ihr mutiges Projekt beeindruckt Cesi Leonhardt vom Zentrum für politische Schönheit. Die Aktionskünstler haben es sich zur Aufgabe gemacht, durch künstlerische Interventionen auf Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. So organisierte die Gruppe im Juni 2015 eine Aktion, um auf die Folgen der europäischen Flüchtlingspolitik hinzuweisen. Es handelt sich immer um sehr unkonventionelle und mutige Aktionen, über die man sich im Netz informieren kann.

Alle Vorträge der see-conference sind online und können in voller Länge angesehen werden – was sich durchaus lohnt, bis die #see12 stattfindet.